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Ein „Pflaster“ für die Heide

– Geotextil-Einsatz gegen Neophyten in Sylter Naturschutzgebieten

Wer derzeit die Insel erwandert, stößt an verschiedenen Stellen auf ein ungewöhnliches Bild: Großflächige Planen überziehen Dünenhänge, Geestheide und Kliffbereiche. Die sandbraune Farbe erinnert an ein überdimensionales Pflaster – und das Bild ist durchaus passend: Es handelt sich um eine gezielte Wundversorgung einer unter Druck geratenen Landschaft.

Mit Geotextilien bedeckter Dünenhang in List

Was sind Neophyten?

Als Neophyten bezeichnet die Botanik Pflanzenarten, die nach 1492 – der Entdeckung Amerikas als kulturhistorischer Zäsur – durch menschlichen Einfluss in ein Gebiet eingebracht wurden und dort nicht zur ursprünglichen Flora gehören. Auf Sylt stehen derzeit vor allem vier Arten im Fokus der Bekämpfungsmaßnahmen:

  • Kartoffelrose (Rosa rugosa) – aus China stammend, auf Sylt volkstümlich als „Sylter Rose“ bekannt; verdrängt artenreiche Küstendünen- und Heidevegetation und fördert zusätzlich die Massenvermehrung der gesundheitsschädlichen Goldafter-Raupe, die derzeit auf Sylt grassiert.
  • Japanischer Staudenknöterich (Fallopia japonica) – mit extremer Regenerationsfähigkeit über tiefreichende Rhizome
  • Stechginster (Ulex europaeus) – atlantisch verbreitet, profitiert von Klimaerwärmung
  • Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum) – phototoxisch, für Mensch und Tier gefährlich

Die Methode: Geotextil-Abdeckung

Das aktuell eingesetzte Verfahren besteht aus zwei Schritten: Zunächst werden die Bestände mechanisch gerodet (sog. Entkusselung), anschließend werden die gerodeten Flächen mit lichtundurchlässigem Geotextil – also einem speziellen Vlies – abgedeckt. Durch den vollständigen Lichtentzug wird die Photosynthese unterbunden; ohne Assimilation erschöpfen sich die Reservestoffspeicher in den Wurzeln über mehrere Vegetationsperioden. Die Abdeckung ist auf ca. drei Jahre ausgelegt – erst dann gelten die Wurzelstöcke als sicher abgestorben.

Eingesetzt werden sowohl konventionelle Kunststoffvliese als auch biologisch abbaubare Geotextilien. Wie stabil letztere unter den Bedingungen des Nordseeklimas – hohe UV-Einstrahlung, Salzgischt, Sturm – reagieren, wird im Rahmen des Projekts erstmals systematisch erprobt.

Wo und in welchem Umfang?

Zu den aktuellen Schwerpunkten zählen das Naturschutzgebiet „Dünen- und Heidelandschaft auf dem Roten Kliff“ in Kampen, der Bereich am Kleinen Leuchtturm Kampen, das Morsum Kliff sowie Dünenflächen bei Buhne 16 und im Raum List. Die gerodeten und abgedeckten Flächen allein im Kampener Naturschutzgebiet umfassen rund 9,5 Hektar; die Gesamtgröße der betroffenen Maßnahmen auf ganz Sylt ist deutlich größer; geschätzt bis zu 100 Hektar.

Wer finanziert die Maßnahmen?

Zuständig sind der Kreis Nordfriesland, das Landesamt für Umwelt (LfU) Schleswig-Holstein sowie der Landschaftszweckverband Sylt, eingebettet in EU-kofinanzierte Programme (ELER-Fonds). Auf Landesebene wurden zuletzt für das Heidepflegeprogramm 2.0 allein 450.000 Euro für drei Jahre bereitgestellt; das aktuelle Geotextil-Projekt wird als eigenständiges Erprobungsprojekt des LfU geführt. Die Ausgaben dürften insgesamt im Millionen euro-Bereich liegen.

Ökologischer Hintergrund: Klimawandel als Verstärker

Die Ausbreitung invasiver Arten auf Sylt geschieht nicht im Vakuum – sie ist eng mit dem Klimawandel verknüpft. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der AWI-Wattenmeerstation Sylt dokumentieren, dass steigende Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster wärmeliebende Arten begünstigen und bisherige Verbreitungsgrenzen verschieben.
Für die Krähenbeeren-Heide (Empetrum nigrum), eine der charakteristischsten Sylter Pflanzengemeinschaften, ist belegt, dass sie bei Erwärmung zugunsten konkurrenzstärkerer Arten unter Druck gerät. Atlantisch geprägte Arten wie der Stechginster könnten dabei langfristig in freiwerdende ökologische Nischen nachrücken – eine Entwicklung, die präventive Gegenmaßnahmen erschwert.

Kritische Einordnung

Die Geotextil-Methode gilt als bodenschonend gegenüber dem flächenhaften Plaggen, weil der Oberboden erhalten bleibt. Offen bleibt, wie sich die abgedeckten Flächen nach Entfernung der Planen entwickeln: Siedeln sich heimische Arten wie die Dünenrose (Rosa pimpinellifolia) oder Heidekraut (Calluna vulgaris) rasch wieder an – oder füllen dieselben oder andere Neophyten das Vakuum? Erschwerend kommt hinzu, dass der Sameneintrag aus benachbarten, nicht behandelten Beständen bei mehrjährigen Abdeckmaßnahmen kaum zu kontrollieren ist. Langzeitergebnisse stehen noch aus; das Projekt trägt ausdrücklich Erprobungscharakter.

Lothar Koch