Sylts Tourismusstrategie geht in die nächste Runde – mit einer großen Online-Umfrage!


Sylts Tourismusstrategie schließt Phase 1 nun mit der angekündigten Umfrage an die Bürger und BürgerInnen ab um dann in die Phase 2 zu gehen – und diesmal sind alle gefragt.
In einer großen Online-Umfrage soll bis zum 10. Juni jede und jeder mitreden: Einheimische, Pendler, Gäste, Zweitwohnungsbesitzer*innen, Sylt-Fans. Jede Stimme ist wichtig. Jeder Gedanke zählt. Hier geht es zur Umfrage: Klicken

„Das ist aktive Bürgerbeteiligung und eine große Chance für die Insel“, sagt Birte Wieda, Gründerin von Merret reicht’s. „Bei den derzeitigen Problemen der Insel gehört vieles auf den Prüfstand. Am Ende dieses Prozesses werden wir uns hoffentlich insular darüber verständige, wie eine sinnvolle Balance zwischen Tourismus und Lebensraum aussehen kann. Auf einen Prozess dieser Art haben wir lange gewartet!“

Was bisher geschah: In den vergangenen Wochen wurden bereits zahlreiche Themen rund um die touristische Entwicklung und die Zukunft der Insel gesammelt – in Gesprächen, Workshops und Arbeitsgruppen. Daraus entstand eine sogenannte Themenlandkarte. Sie bildet das Fundament des gesamten Strategieprozesses und macht sichtbar, wie vielschichtig die Herausforderungen sind, vor denen Sylt steht. Nun soll diese Karte um weitere Perspektiven, Erfahrungen und Ideen ergänzt werden. Auf sylt.de/kurs-sylt steht sie bis zum 10. Juni zur Kommentierung bereit.

Die Umfrage fragt zunächst:

  • Finden sich alle relevanten Anliegen in den bestehenden Themenfeldern wieder?
    – Was fehlt? Was ist überflüssig?
    – Welche Herausforderungen oder Chancen wurden bislang übersehen?
    – Welche Aspekte sind für die Zukunft der Insel besonders wichtig?

Von A wie Altenpflege bis Z wie Zusammenleben – wer sich einen Überblick verschaffen will, wie breit das Spektrum der diskutierten Themen ist, sollte sich unbedingt beteiligen. Kommentieren Sie einfach drauflos. Teilnehmende können Anmerkungen zu den einzelnen Themengruppen ergänzen und zusätzliche Aspekte einbringen, die bislang noch nicht berücksichtigt wurden.
In dieser ersten Phase geht es um eines: Vollständigkeit.

Tourismus ist für Sylt ein unverzichtbarer wirtschaftlicher Motor, der Arbeitsplätze sichert, Infrastruktur finanziert und die Insel weit über ihre Grenzen hinaus bekannt macht. Gleichzeitig spüren viele Insulanerinnen und Insulaner die Schattenseiten täglich: überlastete Straßen und Wege, steigender Druck auf den ohnehin knappen Wohnraum, Belastungen für Natur und Umwelt und ein gesellschaftliches Miteinander, das zunehmend unter Spannung gerät. Wer hier lebt und arbeitet, kennt den Balanceakt zwischen Gastfreundschaft und Selbstbehauptung.
Genau deshalb braucht die Insel eine durchdachte, langfristige Tourismusstrategie – eine, die nicht über die Menschen hinweg entscheidet, sondern mit ihnen. Eine Strategie, die unterschiedliche Bedürfnisse ernst nimmt und Sylt als Ganzes in den Blick nimmt: als Urlaubsziel, als Wirtschaftsstandort, als Heimat.

Die Chance ist jetzt da. Nutzen wir sie.
Wir machen mit!
Merret macht mit!
Du auch?

Eine Mitteilung des Bürgernetzwerkes Merret reicht´s- aus Liebe zu Sylt

Ein „Pflaster“ für die Heide

– Geotextil-Einsatz gegen Neophyten in Sylter Naturschutzgebieten

Wer derzeit die Insel erwandert, stößt an verschiedenen Stellen auf ein ungewöhnliches Bild: Großflächige Planen überziehen Dünenhänge, Geestheide und Kliffbereiche. Die sandbraune Farbe erinnert an ein überdimensionales Pflaster – und das Bild ist durchaus passend: Es handelt sich um eine gezielte Wundversorgung einer unter Druck geratenen Landschaft.

Mit Geotextilien bedeckter Dünenhang in List

Lister Dünen

Was sind Neophyten?

Als Neophyten bezeichnet die Botanik im weiteren Sinne Pflanzenarten, die nach 1492 – der Entdeckung Amerikas als kulturhistorischer Zäsur – durch menschlichen Einfluss in ein Gebiet eingebracht wurden und dort nicht zur ursprünglichen Flora gehören. Im engeren Sinn sind auch invasive Arten gemeint, die einfach bisher noch nicht in einem Gebiet siedelten.
Auf Sylt stehen derzeit vor allem vier Arten im Fokus der Bekämpfungsmaßnahmen:

  • Kartoffelrose (Rosa rugosa) – aus China stammend, auf Sylt volkstümlich als „Sylter Rose“ bekannt; verdrängt artenreiche Küstendünen- und Heidevegetation und fördert zusätzlich die Massenvermehrung der gesundheitsschädlichen Goldafter-Raupe, die derzeit auf Sylt grassiert.
  • Japanischer Staudenknöterich (Fallopia japonica) – mit extremer Regenerationsfähigkeit über tiefreichende Rhizome
  • Stechginster (Ulex europaeus) – atlantisch verbreitet, profitiert von Klimaerwärmung
  • Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum) – phototoxisch, für Mensch und Tier gefährlich

Die Methode: Geotextil-Abdeckung

Das aktuell eingesetzte Verfahren besteht aus zwei Schritten: Zunächst werden die Bestände mechanisch gerodet (sog. Entkusselung), anschließend werden die gerodeten Flächen mit lichtundurchlässigem Geotextil – also einem speziellen Vlies – abgedeckt. Durch den vollständigen Lichtentzug wird die Photosynthese unterbunden; ohne Assimilation erschöpfen sich die Reservestoffspeicher in den Wurzeln über mehrere Vegetationsperioden. Die Abdeckung ist auf ca. drei Jahre ausgelegt – erst dann gelten die Wurzelstöcke als sicher abgestorben.

Eingesetzt werden sowohl konventionelle Kunststoffvliese als auch biologisch abbaubare Geotextilien. Wie stabil letztere unter den Bedingungen des Nordseeklimas – hohe UV-Einstrahlung, Salzgischt, Sturm – reagieren, wird im Rahmen des Projekts erstmals systematisch erprobt.

Wo und in welchem Umfang?

Kampener Heide

Zu den aktuellen Schwerpunkten zählen das Naturschutzgebiet „Dünen- und Heidelandschaft auf dem Roten Kliff“ in Kampen, der Bereich am Kleinen Leuchtturm Kampen, das Morsum Kliff sowie Dünenflächen bei Buhne 16 und im Raum List. Die gerodeten und abgedeckten Flächen allein im Kampener Naturschutzgebiet umfassen rund 9,5 Hektar; die Gesamtgröße der betroffenen Maßnahmen auf ganz Sylt ist deutlich größer; geschätzt bis zu 100 Hektar.

Wer finanziert die Maßnahmen?

Morsum Kliff

Zuständig sind der Kreis Nordfriesland, das Landesamt für Umwelt (LfU) Schleswig-Holstein sowie der Landschaftszweckverband Sylt, eingebettet in EU-kofinanzierte Programme (ELER-Fonds). Auf Landesebene wurden zuletzt für das Heidepflegeprogramm 2.0 allein 450.000 Euro für drei Jahre bereitgestellt; das aktuelle Geotextil-Projekt wird als eigenständiges Erprobungsprojekt des LfU geführt. Die Ausgaben dürften insgesamt im Millionen euro-Bereich liegen.

Ökologischer Hintergrund: Klimawandel als Verstärker

Die Ausbreitung invasiver Arten auf Sylt geschieht nicht im Vakuum – sie ist eng mit dem Klimawandel verknüpft. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der AWI-Wattenmeerstation Sylt dokumentieren, dass steigende Temperaturen und veränderte Niederschlagsmuster wärmeliebende Arten begünstigen und bisherige Verbreitungsgrenzen verschieben.
Für die Krähenbeeren-Heide (Empetrum nigrum), eine der charakteristischsten Sylter Pflanzengemeinschaften, ist belegt, dass sie bei Erwärmung zugunsten konkurrenzstärkerer Arten unter Druck gerät. Atlantisch geprägte Arten wie der Stechginster könnten dabei langfristig in freiwerdende ökologische Nischen nachrücken – eine Entwicklung, die präventive Gegenmaßnahmen erschwert.

Kritische Einordnung

Die Geotextil-Methode gilt als bodenschonend gegenüber dem flächenhaften Plaggen, weil der Oberboden erhalten bleibt. Offen bleibt, wie sich die abgedeckten Flächen nach Entfernung der Planen entwickeln: Siedeln sich heimische Arten wie die Dünenrose (Rosa pimpinellifolia) oder Heidekraut (Calluna vulgaris) rasch wieder an – oder füllen dieselben oder andere Neophyten das Vakuum? Erschwerend kommt hinzu, dass der Sameneintrag aus benachbarten, nicht behandelten Beständen bei mehrjährigen Abdeckmaßnahmen kaum zu kontrollieren ist. Langzeitergebnisse stehen noch aus; das Projekt trägt ausdrücklich Erprobungscharakter.

Lothar Koch