Nationalpark-Feeling auf Sylt- echte Lebensqualität pur!

In den Wochen des „Shut Downs“ zeigt sich die Insel das erste Mal zu meinen Lebzeiten so, wie sie uns sonst nur in Werbeprospekten und Internetseiten von Touristikern, Naturfilmern und Landschaftsfotografen schmackhaft gemacht wird: Natur pur. 

Pfuhlschnepfen am Rantum Becken, Foto: Dr. Thomas Luther

Fotografen müssen sonst normalerweise gegen 5:00 Uhr auf die Pirsch gehen, um Bilder einer makellosen Landschaft zu schiessen. Nur wenige Stunden später wird die Insel ja sonst von Menschen geflutet. Wer jetzt auf Sylt ausgedehnte Spaziergänge unternimmt, was gottlob, anders als in Spanien und vielen anderen Ländern gestattet ist, kann auf einer tieferen Ebene begreifen, weshalb Sylt als Insel im Welterbe Wattenmeer bezeichnet wird, ja eigentlich selbst den Rang eines Nationalparks haben könnte.

Und ich meine nicht nur die endlos wirkenden, einsamen sylter Strände, die majestätisch still daliegende Dünenlandschaft und die Weite des Meeres.

Nonnengänse, Foto: Dr. Thomas Luther

Das Nationalpark – Feeling kommt derzeit im April am ehesten rund um das Rantum Becken auf. Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort fliegen mir hier derzeit 70 000 Knutts und Pfuhlschnepfen förmlich um die Ohren. Ich stehe auf dem Rantum Beckendeich bei nahezu Windstille und einer österlichen Frühlingssonne, die schon so stark ist, dass sie mein Gesicht bräunt. Beim Blick über die Schilfflächen sind die rastenden Watvögel, die gerade von den Atllantikküsten Westeuropas eingetroffen sind, leicht zu übersehen. Erst bei genauerem Beobachten fällt mir auf, dass sich die vermeintliche Landzunge bewegt. Ein Blick durch das Fernglas schafft Klarheit. Die „Landzunge“ besteht in Wirklichkeit aus einem geschlossenen Teppich kleiner Wattvögel in graubraunem Gefieder, die dichtgedrängt eine vibrierende Fläche im Sonnenlicht bilden. Knutts und Pfulschnepfen machen die Masse aus, aber auch Alpenstrandläufer und Kiebitzrgenpfeifer sind darunter. Sie gehören zu den „Schwarmvögeln“, die zweimal im Jahr für einige Wochen im Wattenmeer Station machen, um sich „Treibstoff“ für die Non-Stop Weiterreise nach Grönland und Kanada oder Sibirien und zurück anzufressen. Ein Kaninchen rast aufgeschreckt nahe der Rastvögel durchs Gras. Augenblicklich erhebt sich die gesamte „Landzunge“ und verwandelt sich in eine „Luftqualle“. Zigtausende steigen gleichzeitig auf. Ich höre ein Rauschen, ähnlich einer Windboe, die durch einen Wald weht. Quallenartig bewegt sich die Formation in akrobatischen Luftnummern. Dabei changiert im Sonnenlicht die Farbe zwischen grellweiss und braun und grau, je nachdem, welche Körperseite die Vögel im Schwarm gerade zeigen.
Nach einigen Runden fliegen sie eine Kehrtwende genau auf mich zu. In fast greifbarer Nähe fliegen Tausende der Tiere über meinen Kopf hinweg und wechseln auf die Wattseite. Dort lassen sie sich auf der Spitze einer kleinen, hellen Sandbank nieder und bilden erneut eine tierische „Landzunge“. Die würden die  meisten Wanderer und Radfahrer wohl übersehen, wenn sie den Radweg am Deichfuss, nahe der Sandinsel entlanggingen oder -führen. Aber da geht oder fährt gar keiner. Ich bin ganz allein, mitten im „Nationalpark Sylt“, mitten unter Zig-Tausenden von Wildtieren, die in ihrer eigenen Welt leben, ihre eigene, von Ebbe und Flut geprägte Agenda haben: Fliegen, rasten, fressen, fliegen, rasten, fressen. Immer in engem sozialen Verband, immer im Gleichklang. Ich überlege, wie wird „social distancing“ wohl auf lange Sicht unsere Gesellschaft verändern? Wird sich wieder alles normalisieren? Eine Tagesschausprecherin hat gestern gesagt, der Handschlag, den wir uns gaben, wird wohl für immer aus unserem Repertoire der Höflichkeiten verschwinden. Und was ist mit Umarmungen von guten Freunden? Kann das der richtige Weg sein- müssen wir uns wirklich dauerhaft dem Diktat von Viren und Hygienikern beugen?

Nonnengänse im Nössekoog, Foto: Dr. Thomas Luther


Ich radle auf dem Beckendamm weiter nach Norden und hinter dem Deichkreuz über den Nössedeich in die Tinnumer Wiesen. Noch bevor meine Augen etwas wahrnehmen, haben meine Ohren schon die Masse an Vögeln bestimmt, die sich mit Rottrottrott ankündigen und auf den grünen Wiesen hinter dem Deich rasten und äsen: Nonnengänse! Die schwarz-weissen Vögel mit den langen Hälsen und den weissen Wangen sind selten in derart grossen Schwärmen wie derzeit auf den Wiesen zu beobachten. Und es kommen immer mehr. Von Südosten schwärmen sie am laufenden Band ein und zeichnen dunkle Pfeile gegen den strahlend blauen Osterhimmel. Sie kommen jetzt von den britischen und französischen Küsten, wo sie die kalte Jahreszeit verbringen und werden Ende Mai in Richtung Sibirien weiter ziehen. Sie reisen dann gemeinsam mit ihren Vettern und Cousinen, den dunkelbäuchigen Ringelgänsen, die jedoch ihre pflanzliche Nahrung nicht binnendeichss, sondern auf den Schlickflächen und Salzwiesen des Nationalparks suchen. 

Während der Airport Sylt stillgelegt ist, herrscht also reger Flugbetrieb in den Tinnumer Wiesen. Im Vergleich zu den Watvögeln des Rantumbeckens wirken die Gänse jedoch wir Airbusse- und die noch grösseren Graugänse wie Jumbo-Jets. Vereinzelt sind auch die seltenen Uferschnepfen auf den Wiesen zu beobachten. Früher ein „Allerweltsvogel“, stehen sie heute auf der Roten Liste. Leider fehlt von den Kampfläufern, die noch bis zur Jahrtausendwende zu dieser Zeit im Nössekoog ihr spektakuläres Balzspiel vorführten jede Spur. Sie scheinen hier ausgestorben zu sein. Wesentliche Gründe liegen wohl an Biotopschwund, Raubwildvermehrung und Stördruck durch Wanderer und Fahrzeuge. Die Wiesenvögel brauchen triefnasse Wiesen, Bereiche wo kein Fuchs ihre Gelege findet und haben  alle eine grosse Fluchtdistanz. Vielleicht ist das Geschenk der Ruhe in diesem Frühjahr eine Unterstützung für diese Arten, die sonst permanent von freilaufenden Hunden, rasenden Autos und lärmenden Radfahrern aufgeschreckt werden. Auf jedenfall sind sie auf den Fennen viel zutraulicher, als zu Normalzeiten.

Die Ruhe ist wirklich paradiesisch, trotz, oder gerade wegen des Rotrottrotts, des Gefiepes und Gezwitschers.
So dürfte es auf Sylt immer sein. Aber was ist mit den Menschen? Die leben hier fast alle vom Tourismus. Ja, aber was ist mit Lebensqualität? Wir sollten intelligente Lösungen finden; einen Neustart nach der Krise hinlegen, der nicht panikbestimmt Corona-Löcher in den Kassen füllen will, sondern sich auch auf das Wesentliche besinnt. Natürlich muss es für uns alle ausreichend Möglichkeiten geben mehr als nur die Existenz zu sichern, deswegen wünscht sich niemand eine leere Insel. Aber Glücksforscher haben bewiesen, dass der Kontostand ab einer gewissen Grundsicherung nichts mehr mit dem inneren Glücksgefühl und Wohlbefinden zu tun hat. Vielleicht haben dass ja eine ganze Menge Insulaner in diesen Wochen gespürt? Was würde uns persönlich und als Inselgesellschaft denn reichen? Das könnte eine interessantere Frage sein als „Wieviel Gewinn können wir denn noch machen?“.

Uferschnepfe in den Morsmer Wiesen, Foto: Dr. Thomas Luther

Ach ja! Und dann war ja noch das Ding mit dem Klimawandel- eine Herausforderung, die schon hinter der nächsten Ecke wartet.

Text: Lothar Koch, Biologe & Autor
Fotos: Dr. Thomas Luther

Mit dem NaturReporter Sylt auf Nordtour

Die Insel kommt im Februar kalt und stürmisch rüber. Dennoch hat sich vorige Woche ein TV Team des NDR auf den Weg gemacht um einen Beitrag mit dem NaturReporter auf Sylt zu drehen:

Aufruf zur Strandreinigung am Ellenbogen am 15.Februar

Reinigungsaktion im Naturschutzgebiet Sylt Nord auf dem Lister Ellenbogen am Samstag 15. Februar 2020 von 10:00 – 13:00 Uhr 

Wie auch schon in den vergangenen Jahren werden die Sylter Werkstätten gemeinsam mit der Naturschutzgemeinschaft Sylt e.V., der Gemeinde List, den Listlandeigentümern und der Sölring Foriining im Rahmen des Projektes „Heimatliebe Sylt – Plastikinsel nein Danke!“ eine Reinigungsaktion im Naturschutzgebiet auf dem Ellenbogen starten. Im vergangenen Jahr hatten über 80 freiwillige Helfer fast 10 Kubikmeter Müll gesammelt und die Dünen- und Strandflächen vom Abfall befreit. Und das bei wunderbarem Syltwetter. 

Am Samstag den 15. Februar 2020 starten wir zum fünften Mal um 10 Uhr vom Parkplatz der Kitesurfer/Übergang 10 ins Naturschutzgebiet. Müllsäcke, Greifzangen und Handschuhe werden gestellt. Gerne können auch eigene Handschuhe und ein Spaten mitgebracht werden. Nach getaner Arbeit um 13 Uhr gibt es noch etwas Warmes zu Essen und zu Trinken. Dazu bitte Suppenteller, Löffel und Tasse mitbringen; wir wollen auch hier keinen weiteren Müll in Form von Plastikgefäßen und Pappbechern produzieren! 

Viel Strandmüll stammt aus der Fischerei

Der Lister Sandhaken, auch Ellenbogen genannt und betreut durch die Sölring Foriining, besticht durch zahlreiche Besonderheiten. Die sich noch immer im Wachstum befindliche Fläche ist Wind und Wellen ausgesetzt. Seine Wildheit und Ursprünglichkeit ist Heimat für seltene Pflanzen- und Tierarten, die teilweise nur noch dort vorkommen und dadurch besonders schützenswert sind. Durch andauernde Sturmphasen in den Herbst- und Wintermonaten kommt es immer wieder zu hohen Wasserständen. Die Nordsee mäandriert dann tief in die Dünenlandschaft hinein, bis das Wasser schließlich zur Ruhe kommt. So wird auch alles Mitgebrachte aus der Nordsee an ungewöhnlichen Stellen abgelagert. Nach wie vor findet sich neben Algen, Pflanzenresten und Holzstücken auch viel anthropogener Müll. Dass Plastikmüll eine große Gefahr für die Umwelt darstellt, müsste in der Zwischenzeit jedem bekannt sein, die Medien berichten ja nahezu täglich darüber. Und es wird immer mehr, obwohl man sich in der Öffentlichkeit lokal, national und international damit auseinandersetzt und Abhilfen sucht. Natur, Mensch und Tier sind gefährdet. 

So wollen wir auch 2020 wieder ein Zeichen setzen und mit der gemeinsamen Sammelaktion auf die lokale und globale Problematik hinweisen. Wir hoffen auf viele Freiwillige, die uns helfen den Ellenbogen, eine einzigartige Naturlandschaft auf unserer Heimatinsel Sylt, von Unrat zu befreien. Gleichzeitig bietet sich den Helfern die Gelegenheit, in dieser besonderen Landschaft unterwegs sein zu dürfen, was sonst nur den Schutzgebietsbetreuern gestattet ist. 

Um Fahrgemeinschaften zu bilden, können sich Teilnehmer um 9:15 Uhr auf dem Parkplatz der Sylter Werkstätten treffen. Sollte das Wetter am 15. Februar nicht mitspielen, schaut bitte bis 9 Uhr auf der Facebookseite der Naturschutzgemeinschaft Sylt oder bei Heimatliebe Sylt nach, ob die Aktion stattfindet oder nicht. 

Bei Fragen stehen wir gerne zur Verfügung. Die Naturschutzgemeinschaft Sylt ist von Montag bis Freitag unter Tel. 04651-44421, und die Sylter Werkstätten sind unter Tel. 8863700 erreichbar. 

Eine PM der NSG-Sylt

NSG Hörnum Odde bekommt schlussendlich einen Management Plan

Infoveranstaltung am 29.11.2019 in der Arche Wattenmeer/Hörnum

Das Land Schleswig-Holstein und die Schutzstation Wattenmeer als Gebietsbetreuerin haben noch Hoffnung und stecken Geld und Arbeit in das Naturschutzgebiet Hörnum Odde. Nicht ganz freiwilig: Die EU schreibt Managementpläne für Nature 2000 Gebiete vor. Der kommt für das NSG Hörnum Odde leider viel zu spät.

Die Hörnum Odde als Teil des europaweiten Schutzgebietsnetzes „Natura 2000“ erhält einen eigenen Managementplan, der Natur- und Küstenschutz an der Sylter Südspitze verbinden soll. Der vom Land Schleswig-Holstein mit der Planung beauftragte Biologe Rainer Borcherding gibt bei einer Infoveranstaltung am 29.11.2019 um 16 Uhr in der „Arche Wattenmeer“ interessierten Hörnumer Bürgerinnen und Bürgern Einblick in die Planung und Gelegenheit zu Fragen und Anregungen.

„Die Hörnum-Odde ist ein touristischer Hotspot der Insel Sylt“, sagt Borcherding. Gleichzeitig ist diese einzigartige Dünen- und Heidelandschaft an der Südspitze starken Landverlusten durch Sturmfluten ausgesetzt.

Unter Berücksichtigung der komplexen Küstenschutzfragen beinhaltet der Managementplan Handlungsempfehlungen zu Jagd, Heidepflege und der Bekämpfung standortfremder Arten wie der Kartoffelrose. Wichtigstes Schutzziel im Gebiet ist der Erhalt von Brutplätzen des stark gefährdeten Sandregenpfeifers. „Wir müssen unsere letzten Sandregenpfeifer vermutlich mit Zäunen gegen Füchse und Hunde schützen“, sagt Borcherding.

Der Plan enthalte aber auch touristische Anregungen wie zusätzliche Sturmflut-Querwege durch die Odde oder einen Robben-Aussichtspunkt an der Südspitze. „Nach den guten Erfahrungen mit einem touristisch sehr beliebten Robben-Ruheplatz auf dem Lister Ellenbogen soll auch für die Odde geprüft werden, hier eine kleine Schutzzone und zusätzlich einen erhöhten Aussichtspunkt einzurichten“, berichtet der Biologe. Alle Hörnumer*innen, die ihre Vorstellungen in die gesetzlich vorgeschriebene Planung zum künftigen Management des Schutzgebietes einbringen wollen, sind herzlich zu der Veranstaltung willkommen.

Teils PM der Schutzstation Wattenmeer

International Coastal Clean Up Day

 Es ist wieder soweit! 

Am 21.09.2019 findet der International Coastal Clean Up Day statt. 

Was genau ist das nochmal? 

Beim internationalen Coastal Clean Up Day geht jeder, der sich für saubere Gewässer und Strände und gegen die Vermüllung der Meere einsetzen möchte, zu einem der auf dem Plakat erwähnten Treffpunkte. Von diesen Treffpunkten aus geht man dann an den Gewässern bzw. am Strand entlang und sammelt allen Müll auf, den man findet. 

Die ganze Aktion wurde vor über 30 Jahren von der amerikanischen Umweltorganisation „Ocean Conservancy“ ins Leben gerufen, um auf die Vermüllung der Weltmeere aufmerksam zu machen und ihr entgegen zu wirken. 

Wer kann dort wie mitmachen? 

Jeder, der mitmachen möchte, ist sehr gerne an einem der Treffpunkte gesehen. Man sollte aber unbedingt darauf achten, wetterfeste Kleidung und Handschuhe mitzubringen. Die Handschuhe sind besonders wichtig, falls man Paraffin aufhebt. Der Grund dafür ist, dass man nicht weiß, was für eine Art Paraffin man findet und es durchaus Giftiges sein könnte, was man mit bloßen Händen nicht berühren sollte. Wer hat, kann auch gerne einen Müllpicker mitbringen. 

Zum Abschluss wird der gesammelte Müll gewogen und später fachgerecht entsorgt. Dann gibt es noch eine kleine Feedbackrunde und gemütliches Beisammensein. 

Wir würden uns sehr freuen, wenn möglichst viele am International Coastal Clean Up Day teilnehmen würden. Gerade um das Paraffin vom Strand und den Gewässern zu entfernen, was momentan ziemlich häufig zu finden ist. Also, ab in die Handschuhe und Regenkleidung, an den Müllpicker und auf geht das fröhliche Müllsammeln am 21.09.2019 ab 11:00 Uhr! 

PM der Naturschutzgemeinschaft Sylt e.V.