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Bürger-Ini „Merret reicht´s“ informiert zum „ROV“ (raumordnerischer Vertrag) mit dem Land SH

Dieser Tage und Wochen bestimmt der ROV die Gremien der Inselgemeinden. Die fast fröhliche Abkürzung steht für ein kurzes und dennoch recht sperriges Regelwerk: den „RaumOrdnerischen Vertrag“.

Dauerwohnraum ist rar auf Sylt – das Problem darf aber nicht zum zunehmenden Verbauen der Insellandschaft missbraucht werden.

Ein Vertrag, der zwischen dem Land Schleswig-Holstein und allen fünf Gemeinden der Insel geschlossen werden soll. Er soll den Neubau von Dauerwohnraum auf der Insel steuern. Bislang regelt der Regionalplan von 2002 den Bau von Dauerwohnraum. Dieser sieht vor, dass Westerland den Hauptanteil am Dauerwohnraum bauen darf/soll, die Amtsgemeinden hingegen bis zum Jahr 2030 jeweils nur 10% auf ihren Bestand vom Dezember 2017 aufstocken dürfen.Derzeitige Großbauprojekte wie in List (z.B. der Dünenpark) und in Hörnum verstossen derzeit dagegen, weswegen „Zielabweichungsverfahren“ auf den Weg gebracht werden.

Auch Dauerwohnprojekte in Kampen und Wenningstedt lassen sich auf Basis des Regionalplanes nicht realisieren.Der Regionalplan von 2002 sah auch einen STOPP für Ferienwohnungsbau vor, dazu hat die Inselpolitik bisher keinen nennenswerten Beitrag geleistet, und das Land nie ernsthaft kontrollierend nachgehakt. Seit Jahren versucht das Land auf Sylt eine „insulare“ Sicht auf das Wohnraumproblem zu schaffen.

Das Wohnraumentwicklungskonzept (WEK) machte den Anfang. Hier legte jede Gemeinde einzeln ihren Bedarf an Dauerwohnraum fest. Dieses wurde aber nicht von allen Gemeindegremien abgestimmt. Die Entwicklung verlief über das Wohnraummarktkonzept (WMK) bis zum jetzt vorliegenden Raumordnerischen Vertrag (ROV).

Der Raumordnerische Vertrag sieht nicht mehr den Bedarf der einzelnen Gemeinden, da diesen zum Teil auch schlichtweg die Flächen fehlen, er legt jetzt den inselweiten Bedarf fest. Bis 2030 sollen (nach Bedarfsermittlung) 2.521 Wohnungen gebaut werden können. Die einzelnen Gemeinden weisen sogenannte Potentialflächen aus, also bisherige Frei- oder Parkflächen, auf denen sie sich den künftigen Dauerwohnraum vorstellen können – teils liegen diese Flächen auch ausserhalb der bisherigen Dorfgrenze.

Nun, denkt der geneigte Bürger, klingt doch alles ganz vernünftig. Schließlich brauchen wir Dauerwohnraum auf der Insel.

Es ist nun zum Einen zu befürchten, dass ein Wettrennen startet, wer am schnellsten am meisten Dauerwohnraum baut. Zum Anderen sind 2.521 zusätzliche Wohnungen fast 25% mehr Haushalte, als wir Sylter heute offiziell bewohnen. Das ist sehr viel – zumal eine Berücksichtigung der insularen Verkehrsinfrastruktur bei dieser Betrachtungsweise außen vor gelassen wird. Zum Dritten, empfiehlt der Vertrag zur Sicherung des neuen Dauerwohnraumes bei Eigentum – das Erbbaurecht. Hier bestehen aber gesetzliche Lücken, die zuvor dringend nachgebessert werden müssen.

Apropos gesetzliche Lücken….Wer spricht eigentlich überhaupt noch von dem Schutz des bestehenden Dauerwohnraumes? Der Kreislauf, dass Dauerwohnraum an Zweitwohnen und/oder Ferienwohnen verloren geht, kann durch kommunale Neubauten nicht ausgeglichen werden. Dieser täglich fortschreitende Verlust durch Umwandlung von Dauer- in Ferien- und/oder Zweitwohnungsraum lässt sich nur mit weitreichenden, konsequenten, rechtlichen Festsetzungen und deren Kontrolle bremsen.

Wo stehen wir heute? Die Amtsgemeinden Hörnum, List und Wenningstedt-Braderup haben dem ROV bereits bedingungslos zugestimmt. Kampen hat seine Zusage in Aussicht gestellt. Die Gemeinde Sylt, als Zünglein an der Waage, hat den Beschluss in den Oktober verschoben. Es ist unsicher, was geschehen wird, sollte die Insel durch internen Streit den Vertrag nicht verhandeln, sondern ablehnen.

Das Land drängt auf eine insulare Einigung, bietet mögliche inhaltliche Änderungen bis zum 9.10. an. Private Großinvestoren, wie die GSK-BIG (Dünenpark) fordern vom Land bereits eine Alternative und ziehen siegesgewiss in direkte Gespräche mit dem Ministerium. Das Land hat bereits im Fall Lanserhof an vielem vorbei genehmigt. Würde es das mit dem Dünenpark auch tun?

Was brauchen und wollen wir Sylter Bürger wirklich? Statt Neubau einen gewollten, wirkungsvollen Schutz von bestehendem Wohnraum auf Sylt! Wenn Neubau, dann nur innerhalb der Gemeindegrenzen, um unser Naturkapital zu schützen! Wenn Neubau, dann nur als kommunaler Wohnungsbau, um jene Umwandlungsprozesse, die wir in den letzten 50 Jahren bei jedem Investorenbauprojekt beobachtet haben, zu verhindern. Eine solche Verhandlung und Anpassung würden wir uns beim ROV wünschen.

BI Merret reicht´s

Overtourismus dient fast Niemandem- Sylt am Scheideweg- Politik muss endlich handeln!

Wer derzeit am Morgen durch Westerland geht, trifft auf lange Schlangen von Wartenden vor allen Bäckereien. Über 40 Personen in einer Reihe sind keine Seltenheit beim Brötchenkauf. Wer an bedeckten oder gar regnerischen Tagen mit Bus oder Auto unterwegs ist, kann ewig im Stau stehen, nicht nur in der City, sondern auch auf den Ausfallstrassen nach Osten und Norden. An vielen Stränden herrscht fast schon mallorquinischer Dichtestress, am Abend einen Restauranttisch zu ergattern ist ohne Vorbestellung höchst unwahrscheinlich- Kann Urlaub so noch Spass machen?

Morgens in Westerland zur Hauptsaison vor allen verfügbaren Bäckereien: 30-60 Minuten für Brötchen Schlange stehen ist nicht selten

Das Phänomen wird neuerdings Overtourism genannt und ist ein gefragtes Medienthema im Sommerloch. Dabei sind die geschilderten Auswirkungen noch die harmloseren Effekte einer viel zu grossen Zahl von Menschen auf der Insel. Die Sylter Rundschau schätzte neulich 200 000 Personen auf Sylt. Eine genaue Statistik haben Verwaltungen und Politik bislang nicht erstellen können, insofern bleiben die Zahlen von Fremdenbetten und Tagestouristen heiss diskutierte Schätzungen.

Die Frage ist jedoch- wer profitiert wirklich von diesem „immer mehr“?

Das Sylt Image nimmt auf jedenfall Schaden. Viele Urlauber sind ob der Massen, deren Teil sie selbst sind arg genervt und beschliessen schon jetzt: Das war das letzte Mal Urlaub auf Sylt. Nicht zuletzt auch deswegen, weil sie auf misslaunige Sylter treffen, denen alles zuviel wird.

Die Gastronomie weiss nicht wo ihr der Kopf steht, wenn abends die hungrige Welle vom Strand in die Orte schwappt. Ebenso wie die Geschäftswelt leidet sie unter der Beschaffung von ausreichend qualifiziertem Personal. Am Ende der Saison werden wieder viele über ihre physischen und psychischen Grenzen gegangen sein. Viel Personal bedeutet hohe Kosten. Gesundschrumpfen könnte der bessere Weg sein, bei wahrscheinlich gleichem Nettogewinn.

Die Sylter Vermieter Die Bettenanzahl der Einheimischen ist wahrscheinlich relativ konstant. Deutlich mehr werden die Zahlen von Zweithäusern, Appartments und Hotelbetten, die durch Investoren geschaffen werden, die vom Festland kommen. Die Rendite landet also nicht in den Kassen der Sylter Vermieter. Die Sylter bekommen eigentlich immer mehr Konkurrenz im Vermietgewerbe durch Betriebe, die von Aussen die Insel übernehmen.

Die Sylter Natur- und Landschaft und die Sylter Kultur leidet unter dem Boom. Am wenigsten noch unter den Spaziergängern, den Zig-Tausend Hunden und ihren Kothaufen- und Tüten. Schlimmer ist der überbordende Autovekehr mit überwiegend SUV-grossen Fahrzeugen und der nicht mehr rückgängig zu machende Flächenverbrauch für Parkplätze, Strassen, Neubauten und ganze Neubaugebiete. Inzwischen sind die wichtigsten Sylter Kulturstätten dadurch unmittelbar bdroht: Der Denghoog in Wenningstedt, die Tinnumburg bei Westerland, der Kampener Leuchtturm mit den grossen Hünengräbern.

Die Sylter Orte verlieren an Authentizität und Dorfgemeinschaft. Sie bluten zunehmend aus. Zu astronomisch hoch sind die Immobilienpreise und damit auch die Mieten. Normalverdienern ist es unmöglich, eine eigene Wohnung oder ein Eigenheim zu erwerben. Erben müssen gleich verkaufen, oder hohe Darlehen aufnehmen, um die Erbschaftssteuer zahlen zu können, wenn sie nicht verkaufen. Feuerwehren klagen über Nachwuchssorgen, Kleine Läden und Bäckereien verschwinden ebenso wie Kindergärten und ganze Nachbarschaften aus den ehemals intakten Dörfern.

Die Sylter Baufirmen? Es gibt nur noch wenige- die meisten Handwekrsbetriebe kommen von „Drüben“ und tragen das Geld weg von der Insel.

Die 200 „sylter“ Makler, die Notare, die Banken, die Land-und Hausbesitzerbesitzer, die verkaufen- ja, sie werden profitieren.

Ein Ende ist nicht abzusehen. Krisen, Krankheit und wirtschaftliche Unsicherheit steigern die Zahl der Inlandsurlauber weiter. Wenn Sylt noch den letzten Rest seines guten Rufes bewahren will muss endlich seitens der Politik gehandelt werden. Es reicht!

Lothar Koch

Die Polizei sichert die Einwohnerversammlung zum Bauprojekt Windrose in Wenningstedt vor interessierten Bürgern aus anderen Sylter Orten.

Wenningstedt, 31.7.2020 In Wenningstedt fand heute nachmittag eine Einwohnerversammlung zum umstrittenen Bauprojekt Hotel Windrose statt. Zugelassen waren nur Wenningstedter. Bürger aus anderen Sylter Orten wollten durch ihre Präsenz zeigen, dass die Steigerung der Fremdenbettenzahl kein örtliches, sondern ein insulares Problem darstellt. Das hatte sich im Vorfeld herumgesprochen. Offenbar informierte die Gemeinde das Ordnungsamt, die ein Bußgeldverfahren im Falle einer unangemeldeten Demo androhte und einen bewaffneten Polizisten sowie mehrere Ordnungshüter vor den Saal stellte. Dabei waren nur rund 20 Sylter gekommen, da viele bereits gehört hatten, dass sie nicht erwünscht seien. Dier Nerven liegen wegen der neuen BI Merret reicht´s offenbar schon blank, bevor die einen Finger gerührt hat. Kann so Bürgerbeteiligung, kann so Demokratie funktionieren?

Merret reicht´s- entsteht da eine neue Sylter Bürgerinitiative?

Das Logo der Sylter Bürgerbewegung

Natürlich sind es wieder die Sylter Frauen, die den notwendigen „Schuss“ abgeben und auf den zu reich gedeckten Sylter Stammtisch hauen. Das zeigt schon das Logo einer neu aufkeimenden Bürgerbewegung: eine Sylterin mit Namen Merret in Sölringer Tracht trägt eine Biike mit der Inselsilhouette und sagt lautstark: Mir reicht´s! In Persona hat die bekannte Sylterin Birte Wieda diesmal den Schuss mit einem Leserbrief ausgelöst, der vor kurzem in der Sylter Rundschau erschien.

Dass Merret nicht allein ist und auch Männer an ihrer Seite hat, zeigte sich gestern im Pastorat der evangelischen Kirche zu Keitum. Hier versammelten sich rund 50 Bürger und BürgerInnen, die gewillt sind STOP nicht nur zu sagen, sondern auch voll in die Bremse zu treten. Aber was soll gebremst werden?

Auf den Punkt gebracht: wohl das stetige Wachstum in Tourismus, Bauwut, Verkehr etc… dem die Insel in immer schnellerer Geschwindigkeit ausgesetzt ist. Der Corona-Shutdown hatte im Frühjahr zu einer Zwangsbremsung geführt, die Viele, so war gestern zu hören, unglaublich genossen haben. So hiess es in der Runde, man sehne sich nach mehr Langsamkeit, Stille, Ruhe , unberührte Natur und Landschaft. Die Vision: ein authentisches, weltoffenes, nachhaltig geführtes Sylt mit Dorf- & Inselcharakter und guter Lebensqualität für Einheimische. Viele waren der Meinung, dass ein „Gesundschrumpfen“ viel mehr bringen könne, als weiter mit der Wachstumsdevise um das goldene Kalb zu tanzen.

Einig waren sich die Sylter im Saal, dass man keine neue Partei, bilden wollen. Um Vernetzung untereinander und insular ging es und es waren aus allen fünf Inselgemeinden Teilnehmer vertreten. Es müsse jetzt eine Bewegung von Vielen entstehen, die den Insel-Verwaltungen und der Wirtschaft und Politik „von der Strasse aus“ Mut zum “ Neinsagen“ machen. Immer unter dem Motto: Wir sind für Lebensqualität, statt gegen alles. Vielmehr wollen die BürgerInnen der Politik durch direkte Demokratie helfen und Neu-Orientierung geben, „den Rücken stärken“ gegen den Investorendruck von Außen und für die Klimaherausforderung der Zukunft. Um jedoch effektiv zu sein, soll es nicht nur plakative Aktionen geben, sondern auch ausgelotet werden, was mit den Instrumenten der Bürgerbeteiligung, Bürgerbegehren und ähnlich rechtlich wirksamen Hebeln gemacht werden kann.

Zuversichtlich war die motivierte Runde, dass noch viel mehr SylterInnen die gute Gelegenheit und das Momentum für eine neues Kapitel der Inselgeschichte nach Corona wahrnehmen werden und mitmachen.
Wer etwas beitragen will, melde sich bitte bei Birte Wieda: Email merret-reichts@hotmailcom

Lothar Koch